LANDSCHAFT

SEP
2016

Ein großes Renouveau

Petra Kern zeigt 26 Künstler in der ehemaligen Stadtgalerie Mannheims

 

Von Milan Chlumsky

 

Eine ganze Reihe von Künstlern haben es verstanden, der schwierigen Coronazeit zu trotzen und dabei neue Wege zu gehen. Das zeigt die bemerkenswerte Ausstellung der Kunstberaterin Petra Kern in der ehemaligen Mannheimer Stadtgalerie mit ihren knapp 300 Quadratmetern. Einige Arbeiten sind eindeutig in die Zukunft orientiert, andere setzen starke Akzente, was die Malerei oder Bildhauerei betrifft. 

 

Etwa der 1950 geborene französische Lichtbildhauer Alain le Boucher. 1978 begann er, kleine elementare Schaltkreise der sich eben in fieberhafter Entwicklung befindenden Computertechnik zu sammeln und zu verbinden. Er brauchte kein großes Atelier, eine kleine Tischecke war ausreichend, auf der er die ersten Luchronen (Lux – Licht, Chronos – Zeit) baute. Eine Vitrine musste dennoch her, um die leichten und fragilen Lichtkonstruktionen, die aus Verbindungen von verschiedenen Computerschaltkreisen Licht generieren, zeigen zu können. In den 1980er Jahren spielte Chronos zunehmend eine größere Rolle, er bestimmte die Variabilität der Lichtimpulse. 1986 entstand für die Stadt Bourges eine monumentale Luchroneinstallation, 1989 bestellte die Kaiserstadt Reims eine „Coquille“ von 6 Metern Durchmesser. 

 

Einen Gegensatz zur Lichtinstallation von le Boucher in Mannheim bilden die großformatigen Arbeiten des Engländers Jonathan Huxley. 1965 in Surrey mit einer Sehschwäche geboren, zaubert er bemerkenswerte Bewegungsbilder auf die Leinwand. Huxley malt im Dunkeln phosphorfluoreszierenden Farben und nutzt das UV-Licht. Ergebnis ist das über zwei Meter breite Gemälde mit zahlreichen Figürchen, die einen wilden Tanz ausführen: „World View Red Line“ (2020).

 

Ganz anders der spanische Maler Jesus Miguel Rodrigez de la Torre (geboren 1946), der sich seit rund sieben Jahren der monochromen Malerei verschrieben hat: Sein großformatiges Bild „Historia de una Habitation“ (2020) mutet im ersten Augenblich wie ein Sepiabild aus der Frühzeit der Fotografie an, so perfekt ist das Stillleben mit einer Zeitschriftenleserin in Ölfarben ausgeführt. Rodrigez de la Torre ist ein begabter Inszenator und diese Historia scheint eine Art von Unbekümmertheit aus einer anderen Zeit im lichtdurchfluteten Raum  wiederzugeben.

 

Man sollte sich genügend Zeit nehmen, um die Energie in den Bildern des in Paris geborenen Jérôme Lagarrigue zu erfassen, der Auszeichnungen der Pollock Krasner Foundation und des Art Directors Club New York erhielt. Einen ausführlichen Blick wert sind auch die Details der komplexen und anspruchsvolle Skulpturen der Heidelbergerin Stefanie Welk, die seit 1992 mit Draht und Metall arbeitet.

 

Unbedingt beachtenswert sind gleichfalls die politischen Gemälde des in Deutschland lebenden armenischen Malers Karen Shahverdyans, die Acrylarbeiten von Susanna Storch, die wunderbar präzise Bewegungsskulptur von Jürgen Heinz, die fast surrealen Aquarelle von Markus Magenheim. Ein großes Renouveau im Repertoire der Galeristin Petra Kern und ein Fest des Sehens.

 

(Kunst Kompetenz Petra Kern, Im Dialog bleiben – Was war? Was ist? Was wird?, Raums S4, 11. 10. Infos: www.petrakern.de)

 

 

 

 

Ist die Kopie der Kopie von der Kopie nach zehn Jahren noch Kunst?

Das Künstlerduo Peles Empire in der Rudolf Scharpf Galerie in Ludwigshafen

 

Von Milan Chlumsky

 

 

Der erste rumänische König, Carol I., ließ im Prahovatal in der Walachei 1883 ein Schloss nach süddeutschen Vorbildern als Sommerresidenz errichten. In Rumänien als eines der schönsten Schlösser des Landes gepriesen, vereint es eine ganze Reihe architektonischer „Anleihen“ – von der Gotik, Renaissance bis zu Art Déco. Bis 1914 diente es als Sommerresidenz der rumänischen Könige; es war ein beliebtes Ausflugziel der rumänischen Aristokratie und der hohen Bourgeoisie. Das kommunistische Regime beschlagnahmte es, nach der Wende wurde ein Teil der etwa 160 Zimmer dem Publikum wieder zugänglich gemacht. Wandmalereien von Gustav Klimt und prächtige Holzarbeiten und Holztäfelungen sind das Hauptmerkmal dieser rumänischen Variante von „Neuschwanstein“.

 

Die beiden Absolventinnen der Frankfurter Städelschule Katharina Stövel und Barbara Wolff - sie wurde 1980 in Fagaras in Rumänien geboren – haben dank eines Reisestipendiums Rumänien erkundet und dabei zahlreiche Aufnahmen der Räume im Schloss Peles gemacht. Da sie zufälligerweise in der gleichen WG wohnten, kam ihnen die Idee, sich nach Peles zu nennen und ein frei gewordenes Zimmer mit Reproduktionen aus verschiedenen Schlossräumen zu dekorieren. Eine große Wandtapete reproduzierte das „Prinzessinnenschlafzimmer“, sie wurde einfach von Fotoaufnahmen im Kopierer auf A3 Format vergrößert. In diesem neuen Raum begleitete die Tapete als Dekorum den wöchentlichen Salon, der hier ein halbes Jahr an jedem Donnerstag stattfand. 

 

Die beiden Künstlerinnen zogen dann nach London, und hier reproduzierten sie einen anderen Raum des Schlosses. Dort haben sie dann begonnen, monatliche Wechselausstellungen zu organisieren. Eine Rückkehr nach Rumänien nutzten sie dazu, die Kopien der von ihnen kopierten Schlossräume auch dort (in Cluj) auszustellen und rumänische Künstler zu Mitarbeit einzuladen. Sie luden ebenfalls einige Künstler nach London ein, die nach Belieben Motive in ihre eigene Arbeiten aufnehmen und verändern durften. In London waren die Wandtapeten des Schlosses schwarzweiß, während sie in der Ausstellung in Cluj farbig waren. Am Ende haben sie auch ganz andere Arbeiten, etwa aus Holz, Keramik, Stein, in die Ausstellungen integriert, da die beiden Städelabsolventinnen es ablehnten, irgendwelche  Einschränkungen von den Künstlern zu verlangen. Wiederum wurden alle diese Räume und Exponate abfotografiert und in weitere Ausstellungen als Kopien integriert.

 

So auch in der Rudolf-Scharpf-Galerie, wo die beiden Künstlerinnen aus den verschiedenen künstlerischen Stationen nach den „Originalaufnahmen“ in Peles immer neue Kopien verschiedener Räume mit Originalfragmenten variieren und zugleich ihre eigenen Interventionen sowie die verschiedener Künstlerkollegen „beimischten“. Es ist schwierig herauszufinden, welche Bezüge es überhaupt noch zum rumänischen Schloss gibt oder ob der auf der Tapete abgebildete Raum in einem ganz anderen Kontext entstanden ist und beispielsweise am Computer verfremdet wurde. Die beiden Künstlerinnen negieren dabei völlig, dass es die – nicht nur architektonische - Vielfalt verschiedener Stile ist, die dieses Schloss auszeichnen.

 

 

Schlussendlich ist es also relativ egal, ob die direkte Kopie beispielsweise die Schlosshalle darstellt, oder deren Kopie in einem anderen Raum in London, dann wieder die Kopie dieses Londoner Raumes in Glasgow und letztendlich dann - wie im vergangenen Jahr - in Bremen, wo es wieder Kopien von Kopien gab. Irgendwann verliert sich die Spur des Originals, es hat ausgedient und wird höchstens als Vorwand akzeptiert. Beliebigkeit gewinnt die Oberhand, und wenn dann im obersten Stock der Galerie die gefalteten und zerrissenen Papierbahnen gezeigt werden, die ihren Exitus andeuten, dann ist diese Kunst in einer seltsame Leere angekommen – im Nichts. 

 

(„Peles Empire - not flat“, bis 19.7. in der Rudolf-Scharpf-Galerie, Katalog 15.- Euro, Infos: www.wilhelm-hack-museum)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MAURIS PELLENTESQUE
RISUS SI

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